Zurück zur Übersicht 30.04.1998 Karl Heinz Zinke | Frankfurter Rundschau

Charlie Mariano

Milde Brise

Fünf Musiker sitzen in einer Reihe an der Bühnenrampe und spielen. Showfaktor: null. Konzentration einzig auf die Musik. Eine fast schon meditative Stimmung verströmte der Auftritt von Charlie Marianos aktueller Band "Nassim" im Haus Dornbusch, dem Exil der Brotfabrik, deren längst vorgesehene Wiedereröffnung nach dem Umbau sich verzögert. Früh schon und mit großer Kontinuität setzte sich der heute 74jährige Altsaxophonist mit fremden Kulturen auseinander, fernöstlichen vornehmlich. Vom Bebop kommend, suchte der italienischstämmige, in Köln lebende Amerikaner immer nach neuen Ufern. Aber was immer Mariano anpackte, Melodiosität blieb ihm eine unantastbare Grundfeste.
Die Formation "Nassim" markiert den erneuten Versuch eines kulturellen Brückenschlags. "Nassim" - im Arabischen die frische Morgenbrise - ist eine gemeinsame Unternehmung von Mariano und dem Oud-Spieler Chaouki Smahi. Die Kompositionen stammen überwiegend von dem jungen algerischen Musiker, der auch als Solist hinter Mariano nicht zurücksteht. Aus repetitiven Strukturen schlägt er weite dramaturgische Bögen. Ideal harmoniert Smahi mit seinem Bruder Yahia, einem Perkussionisten. Zu perfekt aufeinander eingespielt ist dieses Team womöglich, um die Schleusen völlig zu öffnen für den Rest der "Nassim"-Welt.
Mariano wirkt zurückhaltend, wie einer, der höflich anklopft - und freundlich aufgenommen wird mit seinem lyrisch-expressiven Ton. Elektrobassist Dave King sprudelt auf funkiger Grundlage munter nebenher; Jörg Reiter an den Tasten bleibt weitgehend unauffällig.
Jede Menge Zeit nimmt sich das Quintett. Wir lassen's fließen, doch nach der Pause wird's zunehmend unklarer, wohin der Fluß wohl gehen soll; zu einförmig muten die ausgedehnten Stücke an. Engagiert und auf respektablem Niveau wird hier musiziert, zu weltbewegendem Format fand die mild wehende Morgenbrise an diesem Abend gleichwohl nicht.
"Nassim" spielt auch am 30. April um 20 Uhr im Comoedienhaus Hanau- Wilhelmsbad, diesmal ohne Jörg Reiter. zik