Zurück zur Übersicht 07.04.2003 Tim Gorbauch | Frankfurter Rundschau

Charlie Mariano & Dieter Ilg

Alte Schule

Die gut gefüllte Brotfabrik ist an diesem Abend kein Ort der Experimente.
Thema und Improvisation sind klar voneinander abgegrenzt, Melodie und Begleitung nicht streng, aber doch deutlich voneinander unterschieden, die Stücke von überschaubarer Struktur. Was man hört, ist die alte Schule des Duospiels, fein justiert, mit scharfen Konturen und sehr genau in der Diktion. Kein allzu großes Wunder, schließlich geben sich Charlie Mariano, der große alte Mann des Jazzsaxofons, und Dieter Ilg, ein halbes Leben jünger, aber keine Spur unwissender am Bass, die Ehre.
Das Zwiegespräch funktioniert deshalb so gut, weil beide wissen, dass Energie und Intensität weniger eine Frage des Tempos als vielmehr der Phrasierung ist. Musikalische Dichte stellt sich in ihren Eigenkompositionen gerade dann ein, wenn die Melodien sich nicht in virtuose Figurationen auflösen, sondern auf ihre Substanz überprüft werden. Dazu taugt Marianos reifer, durchdachter, selten forcierter Ton noch immer, und Ilg vermag es ohnehin, mit seinem Kontrabass Räume zu erobern und zu füllen, die den meisten seiner Kollegen verborgen bleiben.
Für solche äußerlich unspektakulären, nach Innen jedoch überaus wirksamen Erkundungen brauchen sie kein avanciertes Material. Mariano geht meist von sangbaren, wenn auch rhythmisch aufgeladenen Melodien aus, Ilg sucht ostinate Bassfiguren, die er verfeinert und geradezu perkussiv modelliert.
Die alte Weisheit, dass weniger mehr sein kann, gilt schließlich auch für den Jazz. gor