Weber am Trance-Teppich
Charlie Mariano und das Karnataka College arbeiten in der Brotfabrik am gemeinsamen Ganzen
Man lauscht mit geschlossenen Augen und einem wissenden Lächeln, das verhaltene, ja zögernde Ende der Stücke wird anerkennend kommentiert mit "Ja!". Das Gastspiel des Karnataka College of Percussion in der Frankfurter Brotfabrik ist weniger ein Konzert, denn eine gemeinsame Meditation. Eine entspannte Exkursion in den Rhythmus mit zwei Meisterinterpreten der südindischen Kathak-Musik, dem Percussionisten Vidwan Sri T. A. S. Mani und der Sängerin R. A. Ramamani.Eingepasst hat Peter Schneckmann den Auftritt des weltläufigen Duos in die Reihe "Local Aliens". Mit dem in Madras geborenen Ramesh Shotham und dem aus Boston stammenden Charlie Mariano sind unter den Musikern zwei an Rhein und Main heimische Weltenbummler, komplettiert wird das Quintett von dem Pianisten Mike Herting. Während der quirlige Shotham virtuos wechselt zwischen den Trommeln Tavil und Ghatam (einem Tonkrug), auch mal zum Tambourin greift oder der Maultrommel Mording, sitzt Mariano entspannt und wartet auf den richtigen Moment, setzt dann behutsam sein Altsaxofon an und verblüfft mit einem hybriden Jazz-Mantra.
Jedes Stück beginnt mit einer verstohlenen Handbewegung der Sängerin, einem Schups am Regler einer Box, die den Bordun-Klang der großen indischen Laute Tampura imitiert. Eng beieinander hocken die drei Inder, in immer dichter werdenden Improvisationen verweben sie komplexe Rhythmen zu einem tranceartigen Klangteppich. Ein sachtes Ineinandergleiten von Melodie und Rhythmus, kein aufregendes Konzert mit Spitzen, sondern ein Ritual. Allenfalls ein furioses konnakkol unterbricht den Ablauf, ein kleines Spiel mit rhythmisch gesungenen Silben, die man sich virtuos zuwirft oder ein Solo von Mariano, in dem der Saxofonist seine Zurückhaltung aufgibt und ein wenig aus der Bop-Schule plaudert. Dann nimmt sein Altsaxofon Fahrt auf, bricht rau aus. Gleich darauf nimmt er sich wieder zurück und stimmt in dichtem Unisono in den vibratoreichen Gesang von Ramamani ein. Eine respektvolle, ja demütige Spielhaltung, die verrät, wie sehr Mariano seine traditionellen Mitmusiker achtet.
Aus dem gefeierten Altsaxofonisten der Bebop-Ära ist in den 70er Jahren ein verträumter Weltmusiker geworden, ein Flaneur, der sich durch die Musikkulturen spielt, der Japan und Indonesien bereist hat, Sri Lanka und Indien. Die Zusammenarbeit zwischen Mariano und den Meistern der Trommel-Akademie in Bangalore reicht zurück bis zum Anfang der Achtziger, als Mariano durch die Zusammenarbeit mit den Weltmusikanten der Gruppe Embryo in Kontakt mit den Südindern kam. Jüngstes Ergebnis der langen gemeinsamen Jahre ist Om Keshav, eine gemeinsame CD von R. A. Ramamani und Charlie Mariano, die im Sommer beim Münchner Schneeball-Label erscheinen wird.
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Erscheinungsdatum 30.05.2005






